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Fachinformationen

Achim Sieker (BMAS - Bundesministerium für Arbeit und Soziales)

Standortfaktor Bauwirtschaft in Deutschland: Qualität ist nur mit einer mitarbeiterorientierten Arbeitsorganisation möglich

Die Zukunft der deutschen Bauwirtschaft hängt davon ab, ob es den Betrieben gelingt, die Interessen ihrer Mitarbeiter nach sicheren und gesunden Arbeitsplätzen zu verwirklichen und so produktive, konstruktive und motivierende Arbeitsbedingungen zu schaffen. Nur so können sich die Betriebe in dem härter werdenden internationalen Wettbewerb gegenüber der Konkurrenz behaupten. Da mögen die gestandenen Kolleginnen und Kollegen unter Ihnen sagen, das ist ja Wunschdenken. Mitarbeiterorientierung, wo gibt es das schon in der Bauwirtschaft?

Die Probleme in der Bauwirtschaft …

Wir haben in der Vergangenheit die Erfahrung gemacht, dass sich der Bauarbeitsmarkt zu einem Arbeitgebermarkt entwickelt hat. Wir haben seit 1995 rund 50 Prozent der Stellen im Bauhauptgewerbe verloren. Der Konkurrenzdruck durch die EUOsterweiterung hat zeitweise zugenommen. Insgesamt führt das zu schlechteren Rahmenbedingungen für die Beschäftigten: Die Lohnentwicklung kommt nicht mehr mit der Preisentwicklung mit, zusätzlich zu den steigenden Sozialabgaben mussten die Mitarbeiter auf den Baustellen und in den Betrieben noch eine Verlängerung und Flexibilisierung der Arbeitszeit hinnehmen.

Der gnadenlose Konkurrenzkampf in der Baubranche führt zu einer hohen Arbeitsverdichtung, hohen Anforderungen an Flexibilität, an Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter. Die Folgen sind jetzt erkennbar: mehr Unfälle, Berufskrankheiten mit vielfach traurigen Folgen der Frühverrentung. In kaum einer anderen Branche müssen Mitarbeiter aus Gesundheitsgründen so häufig ihren Beruf vor Erreichen des eigentlichen Renteneintrittsalters aufgeben wie in der Bauwirtschaft.

Allein diese menschlichen traurigen Aspekte sind Anlass genug, gegen diese Situation anzugehen. Ich werde Ihnen im Folgenden zeigen, dass es durchaus auch im wirtschaftlichen Interesse der Betriebe ist, die beschriebenen Missstände zu beseitigen, insbesondere die ungünstigen und ungesunden Arbeitsbedingungen.

… aber auch positive Zukunftsaussichten

Neben diesen negativen Aspekten gibt es aber auch positive Zukunftsaussichten für die gesamte Branche. Deutschland ist und wird auch künftig der größte Markt für Bauen und Dienstleistung in der Euröpäischen Union bleiben. Baustellen sind natürlich nicht exportierbar, aber dafür sind Arbeitsplätze importierbar. Wenn man sich allerdings die wirtschaftliche Entwicklung in früheren Beitrittsländern, wie zum Beispiel Irland, Portugal, ja im ganzen Mittelmeerraum, anschaut, erkennt man, dass der EUBeitritt in diesen Ländern zu einer steigenden Binnennachfrage auf dem Bausektor geführt hat und dass auch die Löhne in den neuen Beitrittsländern steigen. Das heißt, die Anreize für Beschäftigte aus diesen Ländern, bei uns günstigere Arbeitsbedingungen und Lohnbedingungen vorzufinden, werden mittel- und langfristig mit der positiven wirtschaftlichen Entwicklung in diesen Ländern sinken.

Wir haben immer noch ein hohes Ausbildungsniveau in Deutschland. Unser Ausbildungssystem, die Grundausbildung mit den überbetrieblichen Ausbildungszentren gerade im Bereich der Bauwirtschaft, ist vorbildlich in Deutschland. Deutsche Facharbeiter sind im Ausland sehr gefragt.

Die Nachfrage von den Bauleistungen und Baudienstleistungen verschiebt sich zum Bauen im Bestand. Neubau wird nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. Gerade beim Bauen im Bestand, bei Umbau, Erweiterung und Restaurierung alter Bauwerke, spielen Erfahrung und besondere Qualitätsaspekte eine übergeordnete Rolle.

Die demografische Entwicklung wird dazu führen, dass die Arbeitgeber in absehbarer Zeit stärker um qualifizierten und ambitionierten Nachwuchs konkurrieren werden. Die Berufsanfänger werden auch in der Bauwirtschaft knapper werden und die Arbeitgeber müssen mit älter werdenden Beschäftigten ihren Betrieb aufrechterhalten.

Deswegen sieht die Arbeitsmarktprognose des IAB (Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung) für die Zeit bis 2025 gerade für die Bauwirtschaft recht günstig aus. Insgesamt prognostiziert das IAB eine sinkende Arbeitslosigkeit, das heißt, der Arbeitskräfteüberschuss wird sich in den nächsten 17 Jahren von derzeit 10 Prozent auf 5,5 Prozent verringern.

Die Beschäftigtenzahl im Bausektor bleibt angesichts der geschilderten Rahmenbedingungen konstant bei ca. 2,2 Millionen, und das bei sinkender Bevölkerung. Das bedeutet, dass prozentual auf die Gesamtzahl der Erwerbstätigen gesehen die Branche vermutlich sogar ihre Bedeutung als Beschäftigungsgeber noch steigern wird. Die IAB-Arbeitsmarktprognose geht von einem konstanten Wachstum im Baubereich aus, immerhin 1 Prozent. Das sieht nach dieser Studie nicht in allen Branchen so positiv aus.

Die demografische Entwicklung bedeutet aber auch: Das Durchschnittsalter der Beschäftigten wird steigen, Produktivitätssteigerungen müssen vor allem mit älter werdenden Beschäftigten erzielt werden.

Die Baubranche muss die Arbeitsplatzattraktivität und -qualität steigern

Was bedeutet das nun für die Betriebe? Wie müssen sie sich auf diese Situation einstellen? Vor allem muss die Baubranche die Arbeitsplatzattraktivität steigern und die Arbeitsbedingungen ihrer Beschäftigten verbessern.

Attraktivität bedeutet in erster Linie, den Berufsanfängern attraktive Rahmenbedingungen für Ausbildung und Karriere zu bieten. Woran es im Augenblick in der Bauwirtschaft hapert, ist nicht die Grundausbildung, sondern die Fortbildungsquote nach der Grundausbildung. Wir müssen Karrieren am Bau ermöglichen, bei denen nicht mit der Ausbildung zum Facharbeiter oder vielleicht zum Werkpolier oder Polier Schluss sein wird. Die Durchlässigkeit auch in die mittleren und oberen Führungsebenen muss erhöht werden. Leistungsbereite und engagierte Facharbeiter müssen hierzu bessere Chancen bekommen. Also müssen wir die Rahmenbedingungen verbessern für die berufliche Ausund Fortbildung.

Auf der anderen Seite müssen wir die Beschäftigungsfähigkeit unserer qualifizierten und erfahrenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (auch im Interesse der Betriebe) länger erhalten und noch steigern. Es wachsen einfach zu wenige Nachwuchskräfte nach und die demografische Entwicklung geht auch an unseren Nachbarn in Europa nicht vorbei. In fast allen europäischen Staaten, vor allem in den Beitrittsländern, gibt es ebenso einen starken Geburtenrückgang und in der Folge Probleme, den eigenen Fachkräftebedarf langfristig zu decken. Kein Arbeitgeber kann also künftig noch darauf bauen, dass im europäischen Ausland schon genügend leistungsbereite, qualifizierte Arbeitskräfte zur Verfügung stehen werden. Wir müssen also gemeinsam darauf hinwirken, dass die Unternehmer die Notwendigkeit der Verbesserung der Arbeitsplatzattraktivität und -qualität akzeptieren und umsetzen.

INQA-Bauen-Instrument zur Arbeitsplatzqualität

Wir bieten im Rahmen der Initiative Neue Qualität der Arbeit in der Bauwirtschaft (INQA-Bauen) ein geeignetes Instrument an, das helfen kann, die Arbeitsplatzqualität zu verbessern. CASA-bauen heißt dieses Instrument. CASA steht für „Chancen ausloten, systematisch arbeiten“. Hier wird beschrieben, wie gute Unternehmen ihre Arbeit organisieren. In CASA-bauen wird sichtbar: Die Unternehmen müssen - auch im eigenen Interesse - um ihre Wertschöpfung, um ihre Gewinnquote zu steigern, eine allgemeine Steigerung der Prozessqualität erreichen.

Bei CASA-bauen geht es nicht nur um Arbeits- und Gesundheitsschutz, sondern um vernünftige Aufbau- und Ablauforganisation in den Betrieben. Damit wird aber auch unmittelbar erreicht, dass sich die Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten verbessern, Sicherheits- und Gesundheitsbewusstsein steigen und damit auch die Gesundheit und die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter verbessert werden.

Die Verbesserung der Prozessqualität auf den Baustellen ist nicht nur eine Anforderung an die Unternehmen, um wettbewerbsfähig zu bleiben, sondern auch eine Anforderung an die Arbeitnehmer. Hohe Qualität der Arbeitsbedingungen und der Arbeitsergebnisse lässt sich nur mit intensiver und kontinuierlicher Aus- und Fortbildung schaffen. Das betrifft natürlich beide: Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssen sich gemeinsam überlegen, wie die Fortbildung und berufliche Weiterentwicklung der Mitarbeiter gesteigert werden können – vielleicht auch über eine Umlagefinanzierung.

Aktiv werden für gute Arbeitsbedingungen

Für die Arbeitnehmer bietet CASA-bauen große Chancen. Voraussetzung ist allerdings, dass sie auch bereit sind, eigene Beiträge für ihre Gesundheit und Leistungsfähigkeit zu leisten. Das muss man im Bereich der Baubranche durchaus mal kritisch ansprechen. In kaum einer Branche wird so viel geraucht und gibt es so viel Fehlernährung und Übergewichtige, wie in der Bauwirtschaft. Das ist natürlich eine Sache, die nicht allein vom Arbeitgeber zu beeinflussen ist. Da müssen sich die Arbeitnehmer auch einmal an die eigene Nase fassen. Ihre eigene Gesundheit steht im Vordergrund, das ist ihr höchstes Gut, das sie erhalten und pflegen sollten.

Die Beschäftigten müssen neben der aktiven Gesundheitsvorsorge bereit sein, sich lebenslang den aktuellen Entwicklungen zu stellen, lebenslang zu lernen. Und sie sollten innerbetrieblich mitwirken, damit sich ihr Betrieb tatsächlich besser aufstellen kann. Das erfordert von Ihnen allen aktives Mitdenken, Handeln im Unternehmen. Sie sind die Experten und die Manager Ihrer Arbeitsplätze vor Ort. Nehmen Sie bitte diese Herausforderung an, stellen Sie sich dieser Herausforderung und arbeiten Sie mit uns gemeinsam daran, dass in den Betrieben Chancen ausgelotet werden und systematischer gearbeitet wird. In den Unternehmen, in denen das schon verwirklicht wird, zeigt sich: Es gibt weniger Unfälle und Krankheiten und die Kolleginnen und Kollegen arbeiten zufriedener.


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