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Wie Mittelstand und Handwerksbetriebe zum Unternehmen 4.0 werden

Die Irrtümer über Industrie 4.0 und konkrete Umsetzungshilfen für kleinere Unternehmen

Wenn bei kleineren mittelständischen Unternehmen und Handwerksbetrieben das Thema Industrie 4.0 zur Sprache kommt, herrschen oft zwei Meinungen vor: Die Einschätzung, das Thema betreffe nur die Industrie oder es sei nur für große produzierende Betriebe relevant.

Welf Schröter, Leiter des Forums Soziale Technikgestaltung, hält diese Fehleinschätzung für fatal. Er setzt sich seit Jahren mit dem Thema Industrie 4.0 und seinen Folgen für die Arbeitswelt auseinander. Mit bundesweiten Vorträgen will er kleine und mittlere Unternehmen sowie Handwerker wachrütteln. So auch beim diesjährigen Landeskongress der Offensiven Mittelstand BW und Gutes Bauen BW am 9. Oktober in Stuttgart. Unter dem Titel ‚Unternehmen 4.0‘ wird dort diskutiert, warum kleine und mittlere Unternehmen sich heute mit der Thematik 4.0 auseinandersetzen müssen, um auch morgen ihre Marktfähigkeit zu behalten.

Missverständnisse zu Industrie 4.0

Er hält die Wortwahl des Begriffes ‚Industrie 4.0‘ für einen großen politischen Fehler. Da Industrie 4.0 sämtliche Unternehmen verändern werde, träfen eher ‚Wirtschaft 4.0‘ oder ‚Arbeit 4.0‘ den Wesenskern, so Welf Schröter.

Meist werde 4.0 irrtümlich gleichgesetzt mit der Digitalisierung in Unternehmen. „Tatsächlich geht es bei 4.0 neben der Digitalisierung darum, dass Unternehmen sich und ihre Produkte bzw. Leistungen nicht mehr solitär betrachten und vermarkten, sondern sich als Teil der gesamten Wertschöpfungskette verstehen. Gefordert ist also ein neues Selbstverständnis,“ so Schröter.

Kernpunkt von Industrie 4.0 ist die Digitalisierung und Vernetzung der gesamten Wertschöpfungskette. „Die dadurch notwendigen Umbauprozesse betreffen alle Beteiligten in der Wertschöpfungskette,“ so Welf Schröter, „vom Anlagenbauer, die Zulieferer, über Dienstleister und alle damit verbundenen betriebsinternen Prozesse, ebenso Marketing, Vertrieb und Buchhaltung, bis hin zum Endkunden. Damit einhergeht, dass der gesamte Prozess immer in Echtzeit nachverfolgbar und veränderbar ist. Gleichzeitig ist die digitale Vernetzung die Voraussetzung dafür, die Kundenforderung nach Losgröße 1 – die Ein-Stück-Ausführung – beliefern zu können.“

Den Unterschied zwischen Industrie und KMU sieht er lediglich in der Umsetzungsgeschwindigkeit von 4.0. Industrieunternehmen seien zwar die Taktgeber, aber letztlich gebe es keinen Bereich und keine Branche, in der sich 4.0 nicht auswirke.

Beispiel Bauhandwerk

Im Baugewerbe gibt es mit dem Building Information Modeling (BIM), der Gebäudedatenmodellierung, bereits die vernetzte Planung, Ausführung und Bewirtschaftung von Gebäuden. Der nächste Schritt könnte sein, dass der Kunde damit die Anforderungen für sein Einfamilienhaus definiert und es virtuell am Bildschirm konstruiert. Darauf aufbauend würden alle Folgeprozesse der Bauplanung und -ausführung automatisiert in Gang setzt.

Es ist naheliegend, dass sich dieser Kunde wohl nicht mehr mit der heute aktuellen Verfahrensweise der Bauplanung zufrieden gäbe. Architekten und Bauhandwerksbetriebe ohne die entsprechende Software und Sicherheitsarchitektur erhielten dann keine Aufträge mehr.

Auswirkungen von Industrie 4.0

Welf Schröter prognostiziert: „Mittelstand und Handwerk sind von 4.0 gravierend betroffen. Wer nicht Teil der digitalisierten Wertschöpfungskette wird, verschwindet über kurz oder lang vom Markt! Damit müssen Handwerk und Mittelstand ein Eigeninteresse daran haben, sich an 4.0 zu beteiligen.“

Die Auswirkungen von 4.0 seien nicht nur technologischer Natur, sondern zeigten sich auch durch die Veränderung der Wettbewerbsbedingungen und der Wertschöpfungsketten sowie in der Notwendigkeit einer nachhaltigen Standortsicherung.

Innerhalb der Unternehmen habe 4.0 Auswirkungen etwa auf organisatorische Strukturen, neue Entscheidungsbefugnisse, auf das Führungsverhalten und die Führungskultur. Die Logistik werde weiter an Bedeutung gewinnen, Einkauf und Lagerhaltung sich gravierend verändern.

Ein großes Thema sei auch die Gewinnung hochqualifizierter Nachwuchskräfte. Da alle neuen Prozesse digital seien, erforderten sie sprachexaktes, zahlenexaktes Können, eine hohe Lesekompetenz und Abstraktionsvermögen. Damit stelle sich die Frage der Fachkräftequalifizierung von Mitarbeitern mit eher händischem Können, die künftig ingenieurähnliche Tätigkeiten übernehmen sollen.

Denken in Wertschöpfungsketten

In manchen Bereichen könnte jeder Auftrag durch seine individuelle Anforderung eine andere Wertschöpfungskette auslösen. Mittels verknüpfter Web-Softwareagenten könnte eine automatisierte Suche nach passenden Dienstleistern erfolgen.

Im Handwerk stelle sich beispielsweise die Frage, wenn alle Steuerungsanlagen – Wasser, Strom, Heizung – künftig digital würden, ob der Kunde diese dann bei einem Komplettdienstleister einkaufe, der die komplette Technik entwickelt und baut, und dieser die Dienstleistung Handwerk dann nur noch unterbeauftrage.

Dies zeige, dass traditionelle Geschäftsmodelle komplett umgekrempelt werden könnten. Bisher stabile Festvertrags-Lieferantenbeziehungen können sich drastisch verändern und damit Berechenbarkeit und Planungshoheit verschwinden. Dies mache deutlich, dass gerade kleinere Dienstleister und Zulieferer sich zur Auftragsgewinnung stärken müssen über Kooperationen – wie Hand-in-Hand-Werker – oder dem Auftritt als Generalunternehmer. Auch unternehmensübergreifende Kooperationen mit Wettbewerbern seien zu erwägen.

Prävention oder Reaktion

Nach Einschätzung von Welf Schröter müssen auch kleine und mittlere Unternehmen bei 4.0 präventiv tätig werden. Erst zu reagieren, wenn die Kunden weniger werden, funktioniere nicht. So seien bereits heute Entscheidungen zu fällen, welche die Unternehmensstruktur und das Unternehmensprofil in fünf bis acht Jahren betreffen. Der Kernpunkt dabei sei: Wer am Markt bleiben wolle, werde sein Leistungsprofil und Dienstleistungsangebot verändern müssen.

Wünsche an die Politik

Der Experte plädiert an die Politik, kleinere Unternehmen und Handwerk bei der Frage zu unterstützen, wie das künftig benötigte hochqualifizierte Personal zu gewinnen ist. Außerdem sollten die ersten vorsichtigen, gewerkübergreifenden Kooperationen im Handwerk wesentlich gestärkt werden. Auch der gemeinsame Internetauftritt von virtuellen Kooperationen oder Bietergemeinschaften solle unterstützt werden.

Konkrete Tipps zur Vorgehensweise

Welf Schröter rät kleinen und mittleren Unternehmen zu folgender Vorgehensweise:

  1. 4.0 kennenlernen. Etwa über die Kommunikationsnetzwerke Offensive Mittelstand und Offensive Gutes Bauen sowie Allianz Industrie 4.0 die Entwicklungen mitverfolgen, um die Relevanz für das eigene Unternehmen einschätzen zu können.
  2. Informieren. Sich bei Industrie-4.0-Veranstaltungen informieren und austauschen, wie beim Landeskongress ‚Unternehmen 4.0‘ am 9. Oktober.
  3. Zukunftsfragen. Ein Gefühl für den sich stark verändernden Markt entwickeln. Lernen, für sich die richtigen Zukunftsfragen zu stellen. Ein Sanitärbetrieb wird sich andere Fragen stellen müssen als die Facharztpraxis oder der IT-Dienstleister. Beobachten und entscheiden, wann es Zeit ist, den Integrationsprozess anzugehen.
  4. Beratung. Betriebe sollten sich vor dem Hintergrund der neuen technischen und organisatorischen Anforderungen beraten lassen. Etwa über die Innovationsberater der Kammern, die Verbände oder die Berater der Offensive Mittelstand und Offensive Gutes Bauen.

Hilfe der Offensiven Mittelstand BW und Gutes Bauen BW

Die aktuelle Aufgabe der Offensive Mittelstand und Offensive Gutes Bauen ist es, den kleinen und mittleren Unternehmen Orientierung im 4.0-Dschungel zu geben, sie zur Selbstveränderung zu ermutigen und bei ihrer Neujustierung konkret zu unterstützen. Die Frage, welche IT-Lösung oder welcher Standard bei der Digitalisierung im Unternehmen künftig zum Einsatz kommt, ist erst nach der neuen Zukunftsausrichtung des Unternehmens zu klären.

Ankündigung Landeskongress ‚Unternehmen 4.0‘ 2015

Der 4. Landeskongress der Offensive Mittelstand BW und Offensive Gutes Bauen BW wird am 9. Oktober 2015 nachmittags in den Bürgerräumen West, Stuttgart stattfinden. Titel des diesjährigen Kongresses ist ‚Unternehmen 4.0 – Herausforderungen, Ziele, Wege‘. Dabei wird vorgestellt und diskutiert, warum kleine und mittlere Unternehmen und Betriebe sich heute mit der Thematik 4.0 auseinandersetzen müssen, um auch morgen ihre Marktfähigkeit zu behalten.

Über Welf Schröter

Welf Schröter aus Mössingen leitet seit 24 Jahren das Forum Soziale Technikgestaltung, ist Autor und Herausgeber vieler Sachbücher zu neuen Arbeitswelten, Geschäftsführer des Talheimer Verlages, Mitglied der Allianz Industrie 4.0 BW und in diversen Kommissionen, Arbeitsgruppen und Projekten auf Landes- und Bundesebene. Er begleitet Betriebs- und Personalräte, Handwerk und Mittelstand, Kommunen und Verbände auf dem Weg in die Wissensgesellschaft. Derzeit ist er bundesweit mit Vorträgen und Schulungen zum Thema Industrie 4.0 unterwegs.

Welf Schröter © Talheimer/Schlotterbeck

Über die Offensive Mittelstand BW und Offensive Gutes Bauen BW

Die ehrenamtlich geführten Netzwerke Offensive Mittelstand BW und Offensive Gutes Bauen BW richten sich mit ihren Angeboten und  Unterstützungsinstrumenten an kleine und mittlere Unternehmen sowie an Bauherren, Planer und weitere am Bau Beteiligte. Das regionale Netzwerk in Baden-Württemberg möchte auf diese Angebote und den daraus resultierenden Nutzen für KMU hinweisen und unterstützt Unternehmen bei der individuellen Umsetzung.

Die Herzstücke der Offensiven sind die INQA-Unternehmens-Checks ‚Guter Mittelstand‘ und ‚Gutes Bauen - Unternehmenscheck ‘. Vertiefendes Instrument ist der Check ‚Personalführung‘. Hiermit können vor allem Unternehmer kleiner Betriebe systematisch die Qualität ihrer Personalführung überprüfen. Darüber hinaus ist der Check auch für Führungskräfte in größeren Unternehmen geeignet. Es finden sich viele Anregungen für eine gute Personalführung. Der Check hilft, die Beschäftigten zu befähigen und zu motivieren, gute Leistungen zu erbringen. Er hilft auch, die Beschäftigten zu unterstützen, gesund und gerne im Unternehmen zu arbeiten.

Weitere Informationen gibt es auf www.offensive-mittelstand-bw.de, www.gutes-bauen-bw.de, www.gute-bauunternehmen.de, www.inqa.de, www.offensive-mittelstand.de, www.offensive-gutes-bauen.de.

Pressekontakt

Als Anlage erhalten Sie ein Portraitfoto von Welf Schröter zum freien Abdruck (Bild: Talheimer/ Schlotterbeck). (JPG-Download, 291 KB)

Über Ihre Berichterstattung würden wir uns sehr freuen.

Für Rückfragen steht Ihnen Angelika Stockinger gern zur Verfügung:

Angelika Stockinger
Netzwerk Offensive Mittelstand Baden-Württemberg

Tel. 0711-65869430
Mobil 0171-8535902
Fax 0711-65869436
E-Mail: kontakt@ombw.de
Web: www.offensive-mittelstand-bw.de

Diese Presseerklärung im PDF Format (PDF-Download, 318 KB


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